Lemur
RELEASES
Die Rache der Tiere (2017)
Geräusche (2014)
LEMUR

Lemur, der Wahlberliner Rapper und Produzent, hat keinen Bock mehr aufs Menschsein. Mutiert zum Feuchtnasenaffen redet er Klartext: Die Tiere haben Beef mit uns. Der Planet übrigens auch. Aber egal. Lasst uns feiern, bis es zu Ende geht, denn stigge-di-sterben tun wir sowieso alle irgendwann. Vielleicht ja schon morgen, denn bei Lemur hat der Tod Logen-Plätze.

„Der Godfather des Galgenhumors;
wenn er besoffen ist, nimmt er auch mal den Falschen mit fort.
Sagt am nächsten Morgen, tut ihm leid, sein Film ist gerissen.
Wie oft ihm das passiert, verdammt, ich glaub, das willst du nicht wissen.“
(„Sterben“)

Lemurs neues Album „Die Rache der Tiere“ ist ein einziger Abgesang auf den Zustand unserer Gesellschaft. Seine menschliche Schlachteplatte startet ganz weit oben, in der Freiheit des Weltalls. Dann schmiert sie songweise ab, dringt tief ein in den Gemischtwarenladen des Lebens, um sich am Ende doch noch einmal in die Lüfte zu schwingen. Denn auch das ist Lemur: hypersensibel bis bipolar schwankt er von einer glücklichen Phase in einen depressiven, misanthropischen Zustand und wieder zurück. „Auf dieser Platte ist das Gefühl des Aufbruchs in sehr vielen Songs ein Thema. Die Erkenntnis, nach allem Abgründigen, das ich erlebt habe, immer noch am Leben und ziemlich gesund zu sein, und außerdem das machen zu können, was ich liebe, hat viele Zweifel und Ängste besiegt.“

Ein Lemur muss tun, was ein Lemur tun muss. Und diese Lieder, sie müssen eben raus aus ihm. „Ich bin sehr getrieben. Schreiben und produzieren ist bei mir genauso lebenswichtig wie Essen, Schlafen und Stuhlgang, wobei der Schlaf oft hinter das Musizieren zurücktreten muss.“ Er baut die besten Beats wenn’s ihm scheiße geht, rappt er in „Batterie“, und so bringen auch seine schlechtesten Gemütsphasen noch Positives hervor. Die Energie richtet er gegen alles, was ihn kaputtmacht – religiöse Konflikte, soziale Gleichschaltung, Online-Zeitverschwendung, der Kater am Montagmorgen. Doch am Ende geht die Sonne auf, auch wenn er sie gar nicht gleich erkennt, zu lange hat er sie schon nicht mehr gesehen.

Das Ergebnis: 100% Lemur. Eine musikalische Melange zwischen Boom Bap und Elektronik, wie gewohnt handgemacht, im Vergleich zum Vorgängeralbum „Geräusche“ jedoch eingängiger, ohne an Abstraktionsmustern zu verlieren. Er flowt wie der Amazonas, kombiniert komplexe Textpatterns mit Melodie-Elementen und fesselt all seine Rapskills auf den selbstgebauten, adipös-wummernden Beats. Noch nie hat Sterben so viel Spaß gemacht. Der Philosoph und wandelnde Wortwitz Marten McFly ist wieder mit dabei, die Rapperin Nazz, der MC FairS – alles Leute, die Lemurs gesellschaftlichen Reimegarten mit ihren Ideen bestens gedüngt haben.
Die vergangenen zwei Jahre waren für Lemur ein künstlerischer Befreiungsschlag, der in „Die Rache der Tiere“ nun seinen Ausdruck findet. Im kuscheligen Label-Zuhause der Käptn Peng-Familie zu einem glücklicheren Mensch geworden findet der Künstler heute den Nährboden für seine musikalischen Visionen, die sich zunehmend von Genregrenzen befreien. „Heute ist es ziemlich egal, vor was für ein Publikum man mich stellt: Ich werde es rocken.“

Anekdote zu „Die Rache der Tiere“:
„Da ich ja, auch nach bald drei Jahren Lemur, immer noch ständig gefragt werde, wieso ich Lemur und nicht mehr Herr von Grau heiße, habe ich gedacht, ich muss die Geschichte, wie ich mich in einen Feuchtnasenaffen verwandelte, in einem Song erzählen. Die Aufnahmen dazu fanden in der heißesten Phase des letzten Sommers statt, mit Temperaturen jenseits der 30 Grad-Marke in meinem nicht klimatisierten Mini-Home-Studio, zu einer Zeit, in der ich tagelang nicht schlief. Einmal bin ich in der Gesangskabine umgekippt. Als ich wieder zu mir kam, merkte ich, dass auf dem Boden das Wasser stand, das mein Schweiß war, und ich lag mit der Nase mittendrin.“

Lemur & Marten McFly
RELEASES
Provisorium EP (2016)
LEMUR & MARTEN MCFLY

Lemur und Marten McFly eint die Rastlosigkeit. Hummeln im Arsch, zwei unruhige Geister, denen Bauchgefühl meist vor Ratio geht. Auch ihre gemeinsame EP mit dem Namen „Provisorium“ ist so entstanden. Bevor die professionellen Aufnahmen losgingen, hatte Marten McFly bereits alle Aufnahmen provisorisch bei sich im Wohnzimmer aufgenommen. Jetzt sollte er diese noch einmal „vernünftig“ in Lemurs Studio einrappen. Trotz großer Anstrengungen zeigte sich, dass der Flavor bei allen Wohnzimmer-Aufnahmen deutlich höher war. Die Konsequenz: Von Marten McFly wurden nur provisorische Aufnahmen für die Platte genommen. Flavor vor Kopf als entscheidendes Kriterium bei der Produktion. Das meint nicht, dass hier nur hingeklatschte Stücke zu hören sind. Vielmehr wurde die Magie des Provisorischen genutzt. Der Zauber des ersten Momentes, in dem ein Gedanke aufgenommen wird ist der beste! Beide Rapper haben sich einzelne Textskizzen wieder und wieder hin- und hergeschickt, bis es passte. Dieses erste Gefühl wurde dann aufwendig wie detailverliebt musikalisch umrahmt und ist dabei wunderbar roh, dreckig und klassisch hiphopig ausgefallen.

Eröffnet wird die EP mit Provisorium. Nichts hält länger, das wissen wir! Auf der Suche nach Wahrheit entstand Geteiltes Ei, ein Track über die gesammelten Lebensweisheiten der beiden. „Sag mir deinen Namen und ich sag dir, wie du heißt“. Lemur und Marten sind sich einig: hört auf die Sprichwörter eurer Großeltern, denn sie haben Recht! Das misanthropische Lächeln ist zusammen beim Freestylen entstanden. So oft haben die beiden Rapper die hypnotisierende Refrainzeile wiederholt, dass der Rahmen stand. Hummeln ist ursprünglich eine Zusammenarbeit von Shaban und Marten McFly über die Hummeln in ihren Hintern, die sie antreiben. Lemur stieg sofort mit ein, weil ihm das Thema eine absolute Herzensangelegenheit ist und ihn, wie auch Marten McFly, als Segen und Fluch wohl das ganze Leben begleiten wird. Auf Meine Musik reflektieren die beiden Berliner die Eigendynamik ihrer geschaffenen Werke. Bis hin zu dem Punkt, an dem ihre Schöpfer die Formen, die die Musik annimmt, nicht mehr ganz nachvollziehen können. Am Ende steht ein epochaler Track namens Wände. Da zeigt sich Lemur, wie wir ihn lieben: er versucht alles kaputtzumachen. Denn so wie es ist, ist es irgendwie scheiße. Auf einem Instrumental, dass man mit Rammstein in Slomo bezeichnen möchte, wird alles zusammengebrüllt. Marten versucht es zwar wieder aufzubauen, merkt aber, dass das erneute Zerstören sinnvoller ist.

Was am Ende zwischen all den Trümmern hängen bleibt? Ganz sicher die erneute Einsicht, dass wohl eben nichts länger hält wie ein Provisorium. Und diese Wahrheit passt nicht nur auf die ruhelosen Leben von Lemur und Marten McFly, sondern trifft, wenn wir ehrlich sind, auf mehr zu als uns manchmal lieb ist.